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Dieser Artikel erschien zuerst in der Deutschen Zeitung, São Paulo Nr. 1887.

Es ist schade und bezeichnend, dass solche Artikel in der  
oberbayerischen Heimatpresse nicht abgedruckt werden, weil "der Autor  
nicht immer politisch korrekt argumentiert."

               Der Chiemgau – ein schönes Stück Bayern

                      von Wolfgang Bendel, Deutschland

Der Chiemgau liegt im südöstlichen Zipfel Bayerns und umfasst gut 1 500 qkm. Er wird von  ca. 170 000 Menschen bewohnt, was einer Bevölkerungsdichte von 110 Personen pro qkm entspricht. Damit liegt diese unter dem bundesdeutschen Durchschnitt von 230 Einwohnern pro Quadratkilometer. Heimliche und inoffizielle Hauptstadt ist Traunstein, das wirtschaftliche, administrative und kulturelle Zentrum der Gegend. Geographisch wird der Chiemgau nach Westen  von Rosenheim, nach Osten von der Stadt Salzburg, nach Süden durch die Chiemgauer Alpen, die den Übergang nach Tirol und ins Salzburger Land bilden, begrenzt. Die Grenze Richtung Norden ist unklar definiert, wird aber üblicherweise mit dem nördlichen Abschluss des  Landkreises Traunstein gleichgesetzt.

                                     Der Chiemsee

Eigentlicher Mittelpunkt dieser beliebten Urlaubs- und Feriengegend ist natürlich der Chiemsee. Dieser umfasst 80 qkm und ist damit nach dem Bodensee und der Müritz der drittgrößte See Deutschlands. Entstanden ist das bis zu 18 Kilometer lange und bis zu 14 Kilometer breite und 73 Meter tiefe Gewässer nach Beendigung der letzten Eiszeit. Damals hatten mächtige Gletscher tiefe Furchen gegraben und Endmoränen aufgeschüttet. Diese Vertiefungen füllten sich mit dem Schmelzwasser und ließen eine Seenplatte entstehen, die allein im Chiemgau aus über 20 Seen besteht. Neben dem Chiemsee sind noch der Waginger See, der Seeoner See und der Simsee erwähnenswert.

Was für den Chiemsee so charakteristisch ist und ihn zu einem Touristenziel ersten Ranges macht, das sind seine drei Inseln: Herrenchiemsee (im Volksmund schlicht Herreninsel genannt), Frauenchiemsee bzw. die Fraueninsel und die dazwischen liegende kleine Krautinsel. Herrenchiemsee beheimatete lange Zeit ein Männerkloster, das im Zuge der Säkularisation 1806 aufgehoben wurde. Später errichtete der „Märchenkönig“ Ludwig II.  von Bayern dort eines seiner Schlösser. Das Stift auf der kleineren Fraueninsel ist hingegen nach wie vor von Benediktinerinnen besiedelt. Zur Zeit sind es knapp 40 Schwestern, die in der Tradition der  seligen Irmingard (einer bedeutenden Äbtissin adliger Herkunft aus dem 9. Jahrhundert) stehen und damit dazu beitragen, dass ihr Kloster zu den ältesten noch immer aktiven Klöstern im deutschsprachigen Raum gehört. Der Konvent wurde bereits 766 von Herzog Tassilo II. gegründet und existiert seitdem fast ohne Unterbrechungen. Ein Kuriosum soll nicht unerwähnt bleiben. Die Abtei ist von einem Inseldorf umschlossen, das die kleinste unabhängige Gemeinde Bayerns bildet. Bei Kommunalwahlen treten die Klosterschwestern  regelmäßig mit einer Kandidatinnenliste an. So stellen sie sicher, dass sie mit einem Sitz im achtköpfigen ehrenamtlichen Gemeinderat vertreten sind.

Die wohl schönsten Worte zum Thema Chiemsee fand der bekannte Heimatdichter Ludwig Thoma: „Der Chiemsee, wo der Blick über die blaue Bucht hinüber nach den Chiemgauer und Salzburger Bergen schweift! Wenn ich die Augen schließe, wo auch immer, erwacht in mir die Erinnerung an Stunden, die dort verträumte, den See rundum, den Himmel über mir...“ Vielleicht wird es manchem Deutsch-Brasilianer ähnlich ergehen, nachdem er einmal den Chiemsee genießen konnte.

                                           Berge und Täler

Ein weiteres Naturereignis sind die Berge und weiten Flusslandschaften und -auen, die für den Süden des Chiemgaus so charakteristisch sind. Die Tiroler Ache beispielsweise, die von Süden her in den Chiemsee mündet, bildete im Laufe der Zeit ein urwüchsig gebliebenes Delta aus, das jedes Jahr um ca. 25 Meter wächst. Es ist ein Naturparadies, dessen Betreten streng verboten ist; ein Verbot, das auch kontrolliert und durchgesetzt wird. Es gibt in ganz Mitteleuropa kein anderes Delta, das dadurch so sehrim Urzustand geblieben ist. Die kleinen Flussarme, die sich zwischen dem   auf natürliche Weise  aufgeschütteten, dicht bewachsenen Neuland schlängeln, bilden ideale Rückzugsgebiete für selten gewordene Fische, Vögel und andere Feuchtgebietsbewohner. 

Ein weiteres relativ weitläufiges Naturschutzgebiet bilden die Auen und die Seenplatte, die die „Weiße Traun“ zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl begleiten. Insgesamt ist ein Drittel der Fläche des Chiemgaus als Landschafts- oder Naturschutzgebiet ausgewiesen. Dazu gehören auch großflächige Moore – in der Gegend als „Filze“ bekannt – darunter die Kendlmühlfilzen und das Bergener Moos. Weiße Birkenwälder und violette Heideflächen stellen einen für fremde Augen ungewohnten, aber reizvollen Anblick dar.

Natürlich sind die Berge des Chiemgaus eine weitere bedeutende Touristenattraktion. Auf einige führen Seilbahnen, so z.B. auf den Rauschberg, den Hochfelln oder die zackige Kampenwand. Auf die Winklmoosalm, Heimatort der mehrmaligen Ski-Olympiasiegerin Rosi Mittermaier, gelangt man im Sommer mit dem Privatwagen, im Winter wegen des großen Andrangs nur mit dem Bus. Aber eine intelligente Fremdenverkehrsstrategie ließ einige Gipfel frei von künstlichen Aufstiegshilfen. So kommt man auf das Sonntagshorn (mit 1960 Metern der höchste Chiemgauberg) oder den Hochgern nur zu Fuß oder mit dem Mountainbike. So findet auch der Ruhe suchende Bergwanderer seine Oasen, in denen er vom Massentourismus verschont bleibt.

                                           Ein Sportparadies

Trotz der Kleinheit der Gegend sind die Möglichkeiten, Sport zu betreiben fast unüberschaubar groß. An erster Stelle steht natürlich der Wintersport in all seinen Ausprägungen:  Rodeln, Eislaufen, Eishockey, nordischer und alpiner Skisport. Es gibt Sprungschanzen, gespurte Langlaufpisten, Rodelbahnen, ein überdachtes Eisstadion, ein Biathlongelände, Sessel- und Schlepplifte. Aber auch der Sommersportbegeisterte findet unzählige Möglichkeiten, sich auf gesunde Weise die Zeit zu vertreiben: Radfahren (z.B der 120 km lange Bajuwaren-Rundweg), Segeln (Chiemsee und Waginger See), Wandern, Segelfliegen (die Deutsche Alpensegelflugschule in Unterwössen), Drachenfliegen (Bergstation der Hochplattenbahn in Marquartstein z.B.) und natürlich endlos Bademöglichkeiten. Vom winzigen Tüttensee bei Traunstein, der als der wärmste Badesee des Chiemgaus gilt bis zum riesigen Chiemsee. Überall gibt es Badeanstalten und Restaurants am Seeufer, wo man sich von all den „Anstrengungen“ erholen kann.

                                          Eine Kulturlandschaft

Aber nicht nur die Natur, auch der Mensch hat im Chiemgau Bemerkenswertes geschaffen. Das südöstliche Oberbayern ist überreich an Kulturgütern aller Art. Hervorzuheben ist natürlich das bereits erwähnte  Schloss Herrenchiemsee. Ludwig II. ließ es nach dem Vorbild des Versailler Schlosses errichten, da er Ludwig XIV. von Frankreich und dessen absolutistischen Führungsstil bewunderte. Gleichzeitig identifizierte er sich mit dem Gralskönig Parsifal, der in der Musik Richard Wagners eine wichtige Rolle spielt. So wurden unter seiner Ägide mehrere Traumschlösser errichtet: Neuschwanstein, Hohenschwangau, Linderhof und eben die prächtige Anlage mitten im Chiemsee. Höhepunkte einer Besichtigungstour, die auch in mehreren Fremdsprachen geführt wird,  sind u.a. der Spiegelsaal, in dem häufig Festkonzerte stattfinden, das Treppenhaus mit all seiner barocken Pracht und natürlich die großzügig angelegte Gartenanlage. Bis zum Garten führt vom Inselufer aus ein Kanal, so dass der König mit seinem Schiff  fast vor die Haustüre fahren konnte. Allerdings soll Ludwig II. nur einmal in dem niemals ganz fertiggestellten Prachtgebäude übernachtet haben. 1885 war nämlich die Staatskasse Bayerns durch die Bauaktivitäten des Märchenkönigs so vollständig leer, dass er für verrückt erklärt und abgesetzt wurde. Kurz darauf starb er unter nie ganz aufgeklärten Umständen bei einem „Badeunfall“ im Starnberger See. Was damals die bayerischen Finanzen ruinierte, spült heute Millionenbeträge in die Kasse des Freistaats, denn die aus Deutschland und dem Rest der Welt anreisenden Touristenmassen hinterlassen viel Geld, um sich diese Sehenswürdigkeiten nicht entgehen zu lassen. So ändern sich manchmal die Zeiten und Dinge!

Ein anderes absolutes „Muss“ ist das Stift auf der Fraueninsel mit der dazugehörigen, noch aus romanischer Zeit stammenden Kirche. Interessant auch der kleine Friedhof, der sich am Haupteingang des Gotteshauses befindet. Auf ihm wurden zahlreiche Berühmtheiten bestattet.

Die Zahl der Kunstdenkmäler ist so groß, dass ich im Folgenden nur einige davon aufzählen kann. Dazu gehören die barocke Wallfahrtskirche Heiligkreuz in Westerndorf, der Max-Josephs-Platz in Rosenheim, die Innenstadt von Tittmoning, die im Inn-Salzach-Stil errichtet wurde, der schon an das nahegelegene Italien erinnert. Dann der Stadtplatz in Traunstein, wo vor allem neben der Stadtpfarrkirche und dem Lindlbrunnen die zugleich stilvoll und farbenfroh bemalte Fassade der Marien-Apotheke hervorsticht. Die Klosterbasilika von Seeon ist ebenso wie der romantische Seeoner See einen Besuch wert. Das an einer Innschleife gelegene Wasserburg verdient sicherlich einen Abstecher und wer die Stiftskirche Baumburg in Altenmarkt nicht besucht hat, der verpasste viel Rokokopracht.

Und all das liegt so nahe beieinander. Gerade für brasilianische Verhältnisse klingt es fast unglaublich, dass man, Traunstein als Ausgangspunkt vorausgesetzt, höchstens 50 Kilometer fahren muss, um all diese Sehenswürdigkeiten bequem mit dem Mietwagen zu erreichen. Auch mit Bahn  oder Bus kommt man in kurzer Zeit und problemlos an viele der gewünschten Orte. Selbstverständlich gibt es überall lokale Reiseagenturen, die in Tagesausflügen viele der schönsten Plätze des Chiemgaus ansteuern. Wohl die zweckmäßigste Lösung.

                                          Einige Wermutstropfen

Die überaus große Beliebtheit des Chiemgaus hat leider auch einige Schattenseiten zur Folge. An schönen Wochenenden sind viele der Attraktionen hoffnungslos überlaufen, denn zu den Einheimischen kommen die Tagesausflügler aus dem Großraum München und natürlich die stationären Urlauber aus nah und fern. Parkplätze an beliebten Badestränden zu finden, ist fast unmöglich. Dasselbe gilt für Campingplätze. Der Chiemsee ist dermaßen voller Segelschiffe, dass man geradezu den Eindruck gewinnen kann, man könne ihn trockenen Fußes überqueren, indem man von einem Boot zum anderen springt.

Ein anderer negativer Effekt, den die Popularität  eines von Deutschlands Haupturlaubszielen mit sich bringt, liegt in der zunehmenden Zersiedlung der Landschaft. Außerhalb der erwähnten Schutzzonen werden immer mehr Häuser, Gebäude und Straßen errichtet, was der Einmaligkeit und der Lieblichkeit der Chiemgauer Landschaft nicht gerade zuträglich ist. Selbst der abgelegenste Bauernhof  ist heute mit einer asphaltierten Straße zu erreichen, und die Zahl der Ferienhäuser und Zweitwohnungen nimmt immer weiter zu.

Auch die Preise sind durchaus als „saftig“ zu bezeichnen. Vor allen Dingen dann, wenn es ums Übernachten geht. Ein Doppelzimmer für weniger als 50 Euros pro Nacht (das entspricht nach Stand September 2012 ca. 125 R$) zu finden, dürfte sehr schwierig sein. Da bleibt für Leute, die nicht mit dem dicken Geldbeutel anreisen, nur die Möglichkeit bei Verwandten oder Bekannten Unterschlupf zu finden oder in die auch nicht gerade billigen Jugendherbergen auszuweichen.

In einem weiteren Beitrag für die DZ werde ich demnächst über das Berchtesgadener Land berichten, das sich südöstlich an den Chiemgau anschließt und so als Verbindung zum Salzburger Land fungiert.