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Als ich erwachte, schlief sie noch. Ihr Körper bildete sich unter dem hauteng anliegenden Leintuch so ab, als wäre er eine weiße Plastik. Die gelungenen, weiblichen Formen dabei perfekt ausmodelliert. Von draußen hört man die Wellen der Karibik ans Ufer schlagen. Es ist bereits hell genug, sodass ich beobachten kann, wie der Wind die Bäume vor unserem Fenster streichelt, als wolle er diese nach durchschlafener Nacht sanft aufwecken. Einer der seltenen Momente im Leben, in dem Traum und Magie Wirklichkeit geworden sind.

Daniela rudert seit einer geschlagenen Stunde mit ihren Beinen in der Luft herum, ohne sie auch nur einmal abzusetzen. Dabei liegt sie auf dem Rücken und hat ihre Arme hinter diesem verschränkt. Angeblich stärkt diese Übung die Beinmuskulatur. Denn sie ist auch Balletttänzerin. Gewesen, muss man heute sagen. Es wird wärmer: Ein dünner Schweißfilm bildet sich und lässt ihren makellos gebräunten Körper glänzen. Zweifellos ist sie eine sehr schöne Frau, und es tut gut, wenn man sie neben sich liegen sieht. (...)

Chicxulub, der kleine Ort am nordwestlichen Ende der Yucatánhalbinsel gelegen, steht wie kaum ein zweiter für den Begriff der Zeitenwende. Ohne die Ereignisse von Chicxulub gäbe es keine Menschheit, wie wir sie kennen. Hier schlug vor 65 Millionen Jahren ein gigantischer Meteor ein, der einen Grossteil der damals existierenden Fauna, darunter alle Saurier, ausrottete. Auf diese Weise machte er den Weg frei für uns Säugetiere. Aufgrund der enormen körperlichen Überlegenheit der Reptilien hätten sich die Säuger niemals ohne die Hilfe des Einschlages von Chicxulub durchsetzen und zur bestimmenden Tierart auf dem Planeten werden können. Dieser geradezu chirurgisch präzise Eingriff in die Entwicklungsgeschichte des höheren Lebens auf der Erde lässt Spekulationen zu, dass möglicherweise eine außerirdische Macht dies bewusst veranlasste, um den eigentlich höherentwickelten Säugetieren eine Chance zu geben, sich auf dem blauen Planeten durchzusetzen. Gläubige Menschen setzen an dieser Stelle für den Begriff  “außerirdische Macht” das Wort Gott. Atheistisch geprägte Wissenschaftler und Zeitgeistliche dagegen reden nur von Zufall und können dem beschriebenen Vorgang keine höhere Logik abgewinnen.

Natürlich fand der Einschlag nicht da statt, wo heute das Dorf Chicxulub liegt, sondern weiter draußen und zwar an der Stelle, an der man in unseren Tagen den Golf von Mexiko vorfindet. Auf Satellitenbildern ist gut zu erkennen, wie der Golf mit der Yucatánhalbinsel als östlicher Begrenzung einen gigantischen Krater bilden. Auf der Halbinsel selbst existieren seit dieser Zeit zudem unzählige kleine und runde Kraterseen, cenotes genannt. Sie entstanden, als beim Eintritt des Chicxulubmeteors in die Erdatmosphäre Splitter von diesem abgesprengt wurden und sozusagen auf eigene Rechnung auf dem Boden aufschlugen.

Während ich dies notiere, betrachtet sich Daniela einen Film mit dem reißerischen Titel “Mörderspinnen greifen an”. Spinnen, Ratten, cucarachas (Schaben) und andere Lebensmittelschädlinge lösen bei Menschen, deren Vorfahren sesshaft waren, Urängste aus. Diese äußern sich in heftiger Abscheu, die bis zum Gruseln reicht. Dieser Gruselfaktor wiederum wird von den Strategen Hollywoods gerne ausgenutzt, um kassenfüllende Horrorfilme zu produzieren. Der Einfall solcher Schädlinge in Dörfer konnte in früheren Zeiten existenzbedrohende  Konsequenzen haben. Diese vernichteten schnell die überlebensnotwendigen Nahrungsmittelvorräte und waren somit für die weitere Existenz der Dorfgemeinschaft eine wesentlich größere Bedrohung als Raubtiere wie Bären, Wölfe oder Löwen. Auch letztere schadeten der sesshaften Gesellschaft, vor allem dann, wenn sie Nutztiere rissen. Allerdings nahm diese Gefahr selten die Dimension einer existenziellen Bedrohung an. Das ist der Hintergrund, warum in Gesellschaften, die aus Ackerbauern hervorgingen, auch heute noch die Abscheu vor Lebensmittelschädlingen mindestens so groß ist wie die Angst vor Raubtieren. Das heutzutage irrational erscheinende Sich-Grausen vor Krabbeltieren aller Art in “zivilisierten” Gesellschaften wie der unseren hat mithin seine Basis im kollektiven Gedächtnis unserer Völker. 

Völker dagegen, die ihre Herkunft von Sammlern und Jägern herleiten, sehen in den Krabbeltieren weniger Lebensmittelschädlinge als vielmehr proteinreiche Nahrung. Sie grausen sich nicht vor ihnen, sondern verzehren sie mit Genuss oft sogar in rohem Zustand. Umgekehrt gilt ihre Angst in der Hauptsache den sie umgebenden Raubtieren, denn diese waren in alten Zeiten die primäre Lebensmittelkonkurrenz. (...)