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1938 flog eine kleine Militärmaschine der USA über den nördlichen Chaco. Plötzlich entdeckten die Militärs große, weiße Kreise auf dem Boden, die in der grellen Sonne glitzerten. Sie gingen mit dem Flugzeug tiefer, aber die Strahlen der Sonne und das reflektierte Licht ließen es nicht zu, dass sie genau erkannten, um welches Phänomen es sich handelte. Also blieb ihnen nichts anders übrig als zu landen.

Die weißen Kreise waren die Skelette tausender bolivianischer Soldaten, die während des Chacokrieges 1932-35 verdurstet waren. Dieser Krieg wurde 1932-35 zwischen Paraguay und Bolivien ausgefochten und kostete nach unabhängigen Schätzungen an die 150 000 Menschenleben, mehrheitlich Bolivianer. Die bolivianische Führung, die den Krieg um das umstrittene Gebiet ausgelöst hatte, war noch nicht einmal in der Lage gewesen, dafür zu sorgen, dass ihre Männer in der Halbwüste des Chaco hinreichend mit Wasser versorgt wurden.

Die Verdursteten wurden in einer besonders lebensfeindlichen Gegend angetroffen, einer trockenen Landschaft, in der die Büsche gerade mal zwei Meter hoch werden und in der riesige Insekten schon zu einem Zeitpunkt auftauchten, als sich die Körper der Verdurstenden noch nicht in Leichname verwandelt hatten. Ohne Wasser und hungrig waren die an das Hochgebirge der Anden gewohnten bolivianischen Soldaten völlig verzweifelt. Viele litten unter Halluzinationen, andere rissen sich die Kleider vom Leib, die Pupillen weit aufgerissen warteten sie auf ein Wunder, das ihnen Wasser herbeizaubern würde. Mit bloßen Händen gruben sie den sandigen Boden auf in der mehr als vagen Hoffnung, so Wasser zu finden. Andere kratzten sich die Finger blutig, verloren die Nägel. Es gab welche, die mit der Verzweiflung Todgeweihter sich um den Urin derer stritten, die noch in der Lage waren, Harn abzulassen. Andere schnitten sich sogar die trockene und schlaffe Haut auf und saugten ihr eigenes Blut auf.

Als die siegreichen Paraguayer schließlich die Überlebenden gefangen nahmen, gab es weitere entsetzliche Szenen: Tausende Gefangene wurden in Reih und Glied aufgestellt, waren aber so schwach, dass sie zusammenbrachen, übereinander fielen und Haufen lebender Leichen bildeten. Als die ersten paraguayischen Lastwagen kamen, die, um die Gefangenen zu retten, Wasser mitbrachten, gab es einen so großen Tumult unter den Leidenden, dass dabei fast das gesamte Nass verschüttet wurde. 

Die Schwächsten wurden auf die Lastwagen gelegt, die anderen schleppten sich auf der “Picada Yujhei” (dem Weg des Durstes) vorwärts. Einige fielen vor Schwäche von den LKWs, wurden von den Rädern der nachkommenden Laster überrollt und blieben zerquetscht am Straßenrand liegen. Die Mehrheit aber zog sich zurück an den Straßenrand, um dort zu sterben. Mit ihren vor Durst stark angeschwollenen Zungen leckten sie den lehmigen Boden der Wege auf. Es existieren Fotos, auf denen man gefangene Bolivianer sieht, wie sie Tieren gleich mit der Zunge das schlammige Wasser fast ausgetrockneter Pfützen aufzusaugen versuchen. Am Schluss waren die Zungen so angeschwollen, dass einige daran erstickten.

Um die Toten wurde von den wenigen Überlebenden gekämpft: Sie saugten das Blut der Frischverstorbenen aus, um den wahnsinnig machenden Durst zu bekämpfen.  Die Kolonne der wandelnden Leichen bewegte sich mit der den Umständen entsprechenden “Höchstgeschwindigkeit” in Richtung der Rettung versprechenden paraguayischen Etappe. Als sie dort endlich ankamen, warfen sie sich vor den paraguayischen Soldaten auf die Knie, um diese zu bitten, ihren Urin trinken zu dürfen. In einer solchen Situation ist jedes menschliche Schamgefühl fehl am Platz. Als einigen paraguayischen Kommandanten das Ausmaß der Tragödie klar geworden war, ordneten sie an, dass ihre Soldaten den Urin aufbewahren sollten, um ihn den todgeweihten Bolivianern zum Trinken geben zu können.

Zum Schluss noch ein Augenzeugenbericht des Leutnants Guzmán, der bei einer der viel zu seltenen Wasserverteilungsaktionen des bolivianischen Heeres anwesend war:

“15.Tag. Um sieben Uhr brachten sie etwas Wasser. Die Verteilung kostete einige Verluste, weil alle so wild darauf waren. Sie wollen weder die Coca noch die  Zigarren, die sie aus den Flugzeugen werfen (die Paraguayer warfen übrigens an Fallschirmen aufgehängte Eisblöcke über den Stellungen ihrer Soldaten ab und sicherten so deren Wasserversorgung. Es bleibt schleierhaft, warum die Bolivianer diesen simplen, aber genialen Trick nicht kopierten, Anmerkung W.B.) (...) Einige Soldaten erkennen mich gar nicht mehr, andere weinen nur. Um 10 Uhr sprach ich mit Oberst Cardenas. Die Soldaten wollen nicht mehr schießen, einige scheinen verrückt geworden zu sein und rufen nur noch Wasser, Wasser und dass die pilas (das war der Spitzname der paraguayischen Soldaten, Anmerkung W.B.) ihnen welches anbieten sollten oder man ihnen sonst die Kehle durchschneiden werde (...) Um 12 Uhr griffen die pilas an...”

Wieder eine verrückte Geschichte aus einer “lateinamerikanischen Bananenrepublik”? Wohl kaum, denn der Kampf ging nicht um Bananen, sondern um ein viel wertvolleres Gut: Erdöl, das man damals in dem umstrittenen Gebiet vermutete. Dabei hatten sich die Bolivianer mit der Standard Oil of New Jersey (der heutigen Exxon), die Paraguayer mit Royal Dutch Shell verbündet. Wobei “verbündet” in diesem Zusammenhang ein eher euphemistischer Ausdruck ist. Sowohl der US-amerikanische Konzern als auch der britisch-niederländische hatten zu weitgehend gleicher Zeit durch Probebohrungen und geologische Untersuchungen, den, wie man heute weiß, weitgehend unbegründeten Verdacht, dass im nördlichen Chaco, dem Chaco Boreal “gewaltige Erdölreserven” schlummern. Und um diese zu fördern, war es nötig sich mit der in dieser Gegend formell existierenden Staatsmacht  zu verbünden. Das Problem lautete freilich: Es war in diesem abgelegenen Winkel ziemlich im Herzen Südamerikas eigentlich weit und breit überhaupt keine Staatsmacht erkennbar. Der Chaco Boreal gehörte  politisch betrachtet zu den letzten größeren, weißen Flecken in dieser Erdengegend, auch wenn er nach einem Ende des 19. Jahrhunderts geschlossenen und Bolivien stark benachteiligenden Vertrag rein formell  Paraguay zugeschlagen worden war. (...)